Wie verhält sich ein Landtagsabgeordneter, dessen Wahlkreis durch Parlamentsbeschluss verändert wird? Soll er den Gemeinden nachtrauern, in denen er 2011 nicht mehr gewählt werden kann? Und wie begrüßt er hinzukommende potentielle Wählerinnen und Wähler auf der anderen Seite?
Das ist eine schwierige Sache. Bedauert der Parlamentarier die Umgruppierung zu arg, könnten ihm das die Neuzugänge übel nehmen. Sind sie dem MdL vielleicht nicht gut genug? Befürchtet er etwa, ihr Vertrauen überhaupt nicht gewinnen zu können?
Auf die scheidende Wählerschaft muss der Mandatsträger weniger Rücksicht nehmen. Sie kann ihm die Zustimmung zum Neuzuschnitt des Wahlkreises zwar übel nehmen, aber nicht mehr durch Stimmen-Verweigerung heimzahlen. Nach dem etwas merkwürdigen baden-württembergischen Landtagswahlrecht schadet es dem bisher Gewählten ja eigentlich nicht, wenn seine Partei in den umgruppierten Kommunen nicht mehr so viel Anhang hat. Darunter leidet höchstens sein dortiger Parteifreund, der ja bei der Zweitausteilung immer auch sein Konkurrent ist.
Nach der Änderung des Landtagswahlrechts finden sich Liberale, Christunionisten, Sozialdemokraten und Grüne in 37 der 70 Wahlkreise so oder so ähnlich in einer vertrackten Situation. Wegducken hilft da kaum weiter, weil die Neuzugänge ja möglichst bald möglichst heftig umworben werden müssen.
Mein Ratschlag an alle zur Wiederbewerbung bereiten Kandidaten und Abgeordneten ist ganz einfach: Man muss sich um beide kümmern. In den abgetretenen Ortschaften ist ein zünftiger Abschied angesagt. Bei der hinzu gekommenen Wählerschaft muss man möglichst bald und möglichst häufig präsent sein. In der Übergangszeit können beide Gruppen profitieren. Der bisherige Wahlkreis-Matador muss sich bis zum Ende der Legislaturperiode noch um die verlustig gehenden Wählerinnen und Wähler kümmern. Gleichzeitig muss er seinen Neuzugängen deutlich machen, dass er ihr richtiger Mann in Stuttgart ist. Oder im weiblichen Falle natürlich die richtige Frau.
Ich freue mich auf auf herbstliche Dämmerschoppen in Eningen und Lichtenstein. Und genau so auf Frühschoppen in Dußlingen, Gomaringen und Nehren. Wie Hermann Hesse rät, muss „mein Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginne, um sich in Tapferkeit und ohne Trauern in andre, neue Bindungen zu geben.“ Eine Veränderung kann zu neuem Aufbruch führen. „Kaum sind wir heimisch in einem Lebenskreise und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen“, mahnt der Dichter, „nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
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